Es kam immer wieder die Frage auf, ob "Die Geister von La Spezia" ein Fantasy- oder ein Science-Fiction-Roman ist. Benutzt Pat Magie oder Technik, um in die Erinnerung von Mary Shelley zu reisen? Macht es einen Unterschied? Ich persönlich bezeichne das Buch als schwarze Kriminalkomödie mit phantastischen Elementen – vor einem historischen Hintergrund.

 

Es gibt aber auch eine klarere Antwort. Dafür müssen wir bloß ein bisschen tiefer gehen ...

 

Die Antwort lautet: Es ist ein Science-Fiction-Roman. Er wird bloß nicht als Science-Fiction-Roman präsentiert, weil er die Rahmenhandlung fast vollständig ausspart. Star-Trek-Fans mögen an eine "Holodeck-Folge" denken, die im Holodeck statt auf der Brücke beginnt. Noch einmal komplizierter wird es dadurch, dass Pat ein wenig wirr im Kopf ist und ihren eigentlichen Auftrag erst spät im Buch erfährt.

 

Noch war das kein richtiger Spoiler – bloß eine Erklärung der Erzählsituation und ihres eng gesteckten Rahmens. Was aber liegt außerhalb?

 

Wollen wir tiefer gehen?

 

Es folgt die SPOILER-Version des Settings. Wer den Roman genießen und sich überraschen lassen will, sollte sie nicht lesen. Aber wer den Roman schon kennt oder Twists nicht mag und von vornherein wissen will, was auch die Figuren wissen, aber nicht anlasslos aussprechen, möge sich einen Prolog mit einer Einsatzbesprechung vorstellen, aus der folgende Dinge hervorgehen:

 

Pat kommt aus der Zukunft. Also unserer Zukunft. Sie arbeitet für eine Geheimorganisation, die Paradoxa beseitigt, die durch illegale Zeitreise verursacht wurden. Die legale Alternative zu Zeitreisen sind Erinnerungsreisen. Dabei reist man "nur" in den Verstand von Menschen – selbst solcher, die bloß in der Erinnerung Dritter noch existieren. Also auch Toter. Leerstellen werden durch eine Art Super-LLM ergänzt. Durch Manipulation der Erinnerung kann die subjektive Gegenwart aller Beteiligten dann "geglättet" werden.  Eine zentrale Frage ist jedoch, ob es so etwas wie eine objektive Wirklichkeit überhaupt gibt oder ob Wirklichkeit und die Erinnerung daran nicht ein und dasselbe sind.

 

Pat ist jedenfalls besonders gut darin, die Erinnerung ihrer Hosts zu manipulieren. Nur ist sie sich dessen gar nicht bewusst, weil ihr Gehirn bei einem früheren Einsatz gebrutzelt wurde. Sie hat einen Chip im Kopf, über den sie in Kontakt mit ihrem Auftraggeber Gus steht.  Außerdem ist auf dem Chip ein Backup ihrer eigenen Persönlichkeit hinterlegt. Gus und dieses Backup steuern Pat auf ihrem Einsatz. Ihr Auftrag lautet, ins Jahr 1816 vorzudringen. Dort gab es einen gravierenden Eingriff in die Zeitlinie, den sie aufklären und wenn möglich ungeschehen (bzw. un-erinnert) machen soll.

 

Welchen Weg genau Pat in die Vergangenheit nimmt, bleibt offen. Die Handlung, die mit Pats Eintreffen in Genua 1822 beginnt, ist aber nicht die erste, "oberste" Ebene ihres Einsatzes. Wir befinden uns bereits tief in verschachtelten Erinnerungen, die durch Pats Chip zu einer vollsensorisch erfahrbaren Umgebung hochgerechnet werden. Pats Ausrüstung, der wir hier und in der Folge begegnen (Elektrodenhauben, MI-Meter usw.), ist daher auch kein Steampunk, sondern lediglich, wie sich ihre tatsächliche Ausrüstung auf der jeweiligen Ebene darstellt.

 

Das ist, was Pat am Anfang des Buches weiß – oder wissen sollte, wenn sie gerade klar bei Verstand ist. Ihr Auftraggeber Gus weiß noch ein wenig mehr – nämlich was die Natur des Eingriffes in die Zeitlinie war. Ihr wollt auch das wissen? Okay.

 

Gehen wir noch tiefer.

 

Nachfolgend die SPOILER-SPOILER-SPOILER-Version.

 

Pats wahrer Auftrag lautet, einen Abtrünnigen ihrer eigenen Organisation zu stellen: genau den Mann, mit dem sie auf einem früheren Einsatz verunglückte, und mit dem sie auch einmal liiert war. Dieser Mann – Charlie – hat eine (echte) Zeitmaschine gestohlen und mit ihr verbotene Technologie ins Jahr 1816 transportiert. Was genau und was er damit anstellte, und was die Folgen dieses Eingriffs in die Zeitlinie waren oder sind, weiß selbst Gus zu Beginn des Buchs nicht im Detail. Er weiß bloß, dass Pat seine beste Chance ist, das Chaos, das Charlie angerichtet hat, zu beseitigen.

 

Das war's. Das war sogar ein bisschen mehr, als ich selbst wusste, als ich die ersten Seiten des Buches schrieb. Es war aber definitiv, was ich wusste, als ich das Buch überarbeitete. Das war die Geschichte, die ich erzählen wollte, und auch wie ich sie erzählen wollte. Es war also eine bewusste Entscheidung, im Jahr 1822 zu beginnen, und nicht mit einem Prolog im Jahr, keine Ahnung, 2122.

 

Aber dadurch wurde es natürlich kompliziert.

 

Und noch einmal verkompliziert wurde alles durch den tatsächlichen Prolog des Romans, der im Golf von La Spezia spielt. Dieser Prolog entstand auf Wunsch des Verlags, der mit "Action" einsteigen wollte und nicht mit einer netten Wanderung durch die Vororte von Genua. Ich hatte mich erst dagegen gesträubt, dann fand ich aber, dass die Entscheidung gut war. Die Frage, die der Prolog allerdings aufwirft (und die den Verlag natürlich sehr viel weniger interessierte), ist die nach seiner Berechtigung. Wer erzählt den Prolog, wer kann davon wissen? Ich habe lange gebraucht, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Auch die Macher des Audiobuchs haben sich offenbar diese Frage gestellt und zumindest in eine ähnliche Richtung gedacht wie ich. Wichtig ist: Es gibt eine Antwort – aber dies wäre Gegenstand eines weiteren Posts.